Freitag, 20. Juni 2014

Auf historischem Boden

20. Juni ■ Vartius - Suomussalmi (80 km)

Als wir gegen 7 Uhr aus dem Zelt krochen, kamen die Bärenfotografen gerade aus dem Wald zurück. Man war wohl etwas enttäuscht, da sonst mehr Bären aus Russland zu Besuch kommen. 

Gegen 9 Uhr 30 starteten wir. Die beiden Tiefs Friederike und Gisela sorgten auch heute für z.T. unangenehme Kälte (4°C beim aufstehen, maximal heute 11°C) und kräftigen Gegenwind. Und das einen Tag vor Beginn des Sommers...das Positive: Die Nässe, das Unangenehmste, hielt sich zurück.

"Gesicht"
In dem Dörfchen Vartius (was nur aus einem heute geschlossenen Kaffee zu bestehen scheint, die anderen Häuser müssen irgend wo im Wald versteckt sein) zweigt die Hauptstraße zur russischen Grenze ab. Die nächste Stadt dort ist Kostomukscha (28.000 Einwohner). Wir fuhren weiter nach Nordwesten. Von gestern früh bis heute abend haben wir auf ca. 130 Kilometern keine erwähnenswerte menschliche Ansiedlung durchquert, der erste größere Ort ist unser heutiges Ziel Suomussalmi (8.800 Einwohner).

Die gestern und heute gefahrene Strecke ähnelt auf der Landkarte einem Gesicht: gestern nachmittag fuhren wir über Kinn und Nase, heute vormittag über die Stirn.

Rentiere - wo???
Mittags hatten wir doch noch Glück und fanden einen sehr urigen Laden! Hier deckten wir uns für 2 Tage mit Vorräten ein, denn die Sonnenwende ist für die Finnen ein Grund zu feiern. Der Laden samt Tankstelle stand recht einsam im Wald; neben Lebensmitteln hätten wir auch noch ein Fernsehgerät kaufen können. Der Mini-Laden war trotzdem relativ gut besucht, wahrscheinlich kommen die Leute aus den sehr verstreut liegenden einzelnen Häusern hierher zum einkaufen. Im hinteren Bereich des Ladens, der zum "Café" ausgebaut wurde, lernten wir einen allein fahrenden Radler aus
dem süddeutschen Raum kennen, der seit 10 Tagen ohne festes Ziel durch die hiesige Gegend fährt. Er war gerade aufgestanden (da es jetzt hier immer hell ist, kann man sich den Tag einteilen wie man möchte) und wollte noch ca. 100 Kilometer in die gleiche Richtung fahren wie wir.

105 Glocken symbolisieren die Anzahl der Tage des 
Winterkrieges und die vielen Steine die Anzahl der Menschen, 
die ihn mit dem Leben zahlten
20 Kilometer vor dem Ziel erreichten wir die Raatteentie. Dies ist die Straße, welche von Suomussalmi in den Ort Raate an der russischen Grenze führt. Hier fand im Januar 1940 die blutigste Schlacht des Winterkrieges statt. Im Hitler-Stalin-Pakt war Finnland dem sowjetischen "Interessensgebiet" zugeschlagen worden. Stalin wollte Finnland komplett erobern und zu diesem Zweck unter anderen bis nach Oulu an der Ostsee vorstoßen, um Finnland von Schweden abzuschneiden. Die vorrückenden sowjetischen Truppen wurden jedoch schon in Suomussalmi gestoppt und auf oben erwähnter Straße eingekesselt und fast komplett vernichtet. 20.000 Soldaten, zumeist aus der Ukraine, wurden erschossen oder erfroren bei -30 Grad. Heute erinnern verschiedene Gedenkstätten entlang der Straße, welche sehr nachdenklich machen, an diesen unglaublichen Wahnsinn. Die Straße wurde zur finnischen Gedenkstraße ernannt.
Ukrainisches Denkmal

Wir übernachten heute auf einem Zeltplatz in einer Blockhütte mit Sauna. Der Empfang hier war sehr freundlich; die Eigentümerin hatte uns schon unterwegs registriert, als sie mit ihrem Auto an uns vorbeifuhr. Der Rasen hier wird durch einen Esel kurz gehalten und das 1. Rentier, welches wir sahen, fraß friedlich (eingezäunt) auf dem Grundstück.

Heute haben wir die ersten Tausend erreicht, konkret: 1.029 Kilometer. In 13 Tagen sind das durchschnittlich 79 km pro Tag. Laut Planung wären es  nur 943 Kilometer gewesen.